Familiengeschichte

Eduard Leopold Beyer, Gründer der traditionsreichen und einst weltbekannten Chemnitzer Firma "Eduard Beyer - Chemische Fabrik für Tinten, Klebstoffe, Hektographenartikel und Schreibmaschinenbänder" wurde 1825 in Augustusburg bei Chemnitz geboren. Nach dem Besuch der Fürstenschule St. Afra in Meißen, einer Ausbildung zum Apotheker und dem Chemiestudium an der Leipziger Universität, ließ er sich 1856 in Chemnitz nieder und erwarb die Löwenapotheke in Inneren Klosterstraße.

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Neben der regen Tätigkeit als Apotheker widmete sich der vielseitig begabte und interessierte Geschäftsmann Beyer aber vor allem intensiven Forschungen auf dem Gebiet der Tintenherstellung. Seine Beobachtung, dass gute Kopiertinten aus England und Frankreich importiert werden mussten, waren dabei richtungsweisend für ihn. 1856 gelang ihm mit seiner veilchenblauschwarzen Kopiertinte die Herstellung der ersten brauchbaren deutschen Blauholz-Kopiertinte. Die Geschäfte mit den Tinten nahmen einen so guten Verlauf, dass das Apothekenlaboratorium bald zu eng wurde. Bereits 1863 ließ Eduard Beyer einen groß angelegten Fabrikbau weit vor den Toren der Stadt Chemnitz errichten und die Firma in das Chemnitzer Handelsregister eintragen.

In kürzester Zeit entwickelte sie sich zu einer der größten und bekanntesten deutschen Fabriken für chemischen Bürobedarf mit Weltgeltung. Hatte die Produktion 1856 mit nur einer Tinte und nur einem Kunden begonnen, so entwickelten Beyer und seine Nachfolger in den folgenden Jahren viele verschiedene Sorten von Schreib- und Kopiertinten sowie Klebstoffe und Farben. 1906, zum 50jährigen Jubiläum, umfaßte das Sortiment ca. 80 verschiedene Produkte und die Kundschaft zählte nach Tausenden in der Welt.

Eduard Beyer, im Volksmund auch der "Tintenbeyer" genannt, war ein anerkannter Geschäftsmann, der sich auch in zahlreichen öffentlichen Ämtern engagierte. Er war gewählter Stadtrat von Chemnitz und Abgeordneter der 2. Kammer des Sächsischen Landtages und übte zudem viele Ehrenämter in Vereinen und Gesellschaften aus. Daneben war er auch Mitbegründer und jahrelang Vorstandsvorsitzender der Schloßchemnitzer Bauverein AG, die viel zur baulichen Entwicklung des heutigen Stadtteils Schloßchemnitz beigetragen hat.

Sichtbares Zeichen des großen geschäftlichen Erfolges ist auch heute noch das repräsentative Wohnhaus, das sich Beyer ab 1881 an der nach ihm benannten Straße (Beyerstraße 28 - "Villa Quisisana") erbauen ließ. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er aber wegen eines Lungenleidens an der Côte d'Azur, wo er auch 1907 gestorben ist. Seit 1890 hatte sich Eduard Beyer allmählich aus der Geschäftsführung der Fabrik zurückgezogen; 1898 übergab er schließlich die Leitung der Firma an seinen Schwiegersohn Heinrich Theodor Koerner.

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Kommerzienrat Koerner stammte aus einer Chemnitzer Strumpffabrikantenfamilie (Firma Eduard Creutznach & Nachfolger) und hatte Beyers Tochter Johanna im Jahre 1878 geheiratet. Der begabte und engagierte Geschäftsmann Koerner führte das Unternehmen erfolgreich weiter und konnte es sogar beträchtlich erweitern. Bald gab es Zweiggeschäfte in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und London und eine Produktionsstätte in Teplice/Böhmen. Ebenso wie sein Schwiegervater war auch Theodor Koerner ein gesellschaftlich stark engagierter Mensch. Neben den fast schon obligatorischen Ehrenämtern in Vereinen und Wirtschaftsgremien war er von 1904 bis 1919 auch als unbesoldeter Stadtrat für das Wohl seiner Heimatstadt Chemnitz tätig.

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Kommerzienrat Koerner und seine Frau Johanna hatten drei Kinder: Johanna, Theodor und Gertrud; die Familie wohnte ebenfalls in der "Villa Quisisana". Durch die Heirat der beiden Töchter mit Herbert und Fritz Esche bestanden enge familiäre Beziehungen zur bekannten und erfolgreichen Chemnitzer Strumpffabrikantenfamilie Esche. Der Sohn und spätere Firmeninhaber Dr. Theodor Koerner heiratete 1911 Hildegard Vogel, eine Tochter des Chemnitzer Textilfabrikanten Hermann Vogel.

Kommerzienrat Theodor Koerner führte die Firma bis zu seinem Tod im Dezember 1921. Unterstützt wurde er dabei durch seinen Sohn, der 1910 als promovierter Chemiker Teilhaber der Firma wurde. Auch die beiden Söhne von Dr. Koerner traten nach ihrer Ausbildung in die Firma "Eduard Beyer - Chemische Fabrik" ein, der Zweiten Weltkrieg verhinderte jedoch ihre aktive Mitarbeit.

1913/14 beauftragte Dr. Theodor Koerner den belgischen Maler, Architekten und Kunstgewerbler Henry van de Velde mit dem Bau eines Wohnhauses für sich und seine Familie auf dem Grundstück Beyerstraße 25. Dessen Konzept und Baustil hatte Koerner bereits im Haus seines Schwagers Herbert Esche an der Parkstraße 58 und am Gebäude des Lawn-Tennisklubs an der Goethestraße bewundern können. Ganz im Sinne des von Henry van de Velde angestrebten Ideals eines Gesamtkunstwerks stammen auch für die Koerner-Villa an der Beyerstraße 25 alle Entwürfe von der Gartenanlage bis hin zum kleinsten Detail in der Inneneinrichtung von Henry van de Velde.

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Das Ende des Krieges 1945 bedeutete den Anfang vom Ende einer traditionsreichen und erfolgreichen Chemnitzer Firma. Bei den schweren Bombenangriffen des 5. März 1945 auf Chemnitz wurden auch Fabrikgebäude und die Villa an der Beyerstraße 25 schwer getroffen. Da in den ersten Nachkriegsjahren wenig Aussicht bestand, die zerstörte Fabrik und auch das Wohnhaus wieder aufzubauen, verließ Dr. Theodor Koerner mit seiner Familie die Stadt und zog zu Familienangehörigen nach Bayern, wo er 1958 verstorben ist.

Die Firma "Eduard Beyer - Chemische Fabrik" wurde durch die AFA-Werke Arthur Führer übernommen, 1955 schließlich aufgelöst und die alten Eigentümer enteignet. Anfang 1956 entstand auf dem Gelände dann der volkseigene Betrieb Thermoplast Karl-Marx-Stadt mit einem grundsätzlich anderen Produktionsprofil. Nicht mehr die Herstellung von chemischem Bürobedarf stand im Mittelpunkt, sondern die Kunststoffverarbeitung. 1970 wurde aus dem VEB Thermoplast ein Betriebsteil des Kombinates VEB Orbitaplast Weißandt-Gölzau, der sich auf die Extrusionstechnologie spezialisierte (Plastgranulat wird unter Hochdruck verflüssigt und in Formen gepresst).

In den Produktionshallen an der Beyerstraße wurden nun keine Tinten, Farben und Klebstoffe mehr hergestellt, sondern Plastprofile u. a. für den Trabant, für den Werkzeugbau, als Transportleisten für Fördergurte und Kühlschrankdichtungen - alles fast ausschließlich für den Inlandsbedarf der ehemaligen DDR. Nach der Wende wurde der Betrieb 1991 von Investoren aus dem Schwarzwald übernommen und stellt seitdem als Kunex GmbH vor allem Kunststoffhalbzeuge für die Bauindustrie, den Maschinen- und Fahrzeugbau, aber auch für den Heimwerkerbedarf her, die mit Erfolg auch in alle Welt exportiert werden.

© Jutta Aurich, Stadtarchiv Chemnitz, 2004